
Berufsorientierung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Das Internet wird für die Nachwuchsförderung immer wichtiger. Um das Potenzial optimal nutzen zu können, ist Medienkompetenz eine Grundvoraussetzung. So lautete das Fazit der Fachtagung zur Berufsorientierung vom Verein Schulen ans Netz.
Auf Einladung von Schulen ans Netz e.V. diskutierten Unternehmens- und Verbandsvertreterinnen und -vertreter über die Potenziale des Internet für die Berufswahl. Das mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete Portal beroobi wurde dabei explizit hervorgehoben. Es ist sowohl online erfolgreich als auch insbesondere bei Jugendlichen zur Berufsorientierung beliebt. Auf der Online-Plattform des Schulen-ans-Netz-Projektes stellen junge Berufstätige ihre Berufe in einem Multimediamix anschaulich und spielerisch vor.
„Berufsorientierung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“, betonte Maria Brosch, Geschäftsführender Vorstand von Schulen ans Netz e.V. in ihrer Begrüßung. Durch den demografischen Wandel steige nicht nur der Bedarf an Fachkräften und Akademikerinnen und Akademikern. Es gehe auch darum, denjenigen Jugendlichen, die mit schlechten Voraussetzungen in Schule und Ausbildung starten, Perspektiven zu bieten. Jedoch sorge die Vielzahl an Ausbildungsberufen oftmals für Unübersichtlichkeit und damit für Unsicherheit. Hier benötigten Jugendliche Unterstützung, um bei der Berufswahl die eigenen Potenziale und Chancen richtig einschätzen zu können. „Das interaktive Portal beroobi stellt ein geeignetes Werkzeug dar, da es mit Bild- und Filmelementen sowie interaktiven Tools zum Mitmachen die jugendliche Mediennutzung berücksichtigt“, erläuterte Brosch.

Das Internet als wichtiger Baustein bei der Berufsorientierung
Professor Frank Thissen von der Hochschule der Medien in Stuttgart ging in seinem Impulsreferat auf die Bedeutung des Internet für die Mediennutzung junger Menschen ein: „Das Internet ist mittlerweile ein fester Bestandteil im Alltag der Heranwachsenden.“ Da sich Jugendliche in ihrer Mediennutzung als Produzenten und Akteure begreifen, seien Angebote sinnvoll, die zum Mitmachen und Erkunden animierten. „Das Internet mit seinen spielerischen und interaktiven Möglichkeiten bietet ein Potenzial, das sich die Mediendidaktik verstärkt auch bei der Wissensvermittlung zu nutze machen kann und sollte“, betonte auch beroobi-Projektleiterin Silke Niemann. Erst wenn Jugendliche sich mit einem Online-Angebot identifizieren können und es authentisch auf sie wirkt, wird es auch selbstständig genutzt.“
Fachkräftemangel: Web 2.0 als Lösung?

Andreas Pieper vom Bundesinstitut für Berufsbildung sprach von einem „Mismatching“: Auf dem Ausbildungsmarkt blieben einerseits Stellen unbesetzt, andererseits gingen viele Jugendliche leer aus. Auch sei nach wie vor das Wissen über Berufe bei Jugendlichen nur eingeschränkt vorhanden, oftmals stellen schwierige Berufsbezeichnungen und auch Vorurteile bereits Stolpersteine dar. Das Internet stelle daher für die Berufswahl eine gute Ergänzung dar und sei nicht zu unterschätzen, doch auch das persönliche Beratungsgespräch bleibe wichtig.
Dies bestätigte auch Dr. Nicole Cujai von der Bundesagentur für Arbeit. Zielgruppengerechte Angebote im Netz seien zunehmend wichtig, doch bedürfe es weiterhin eines Ansprechpartners, der die Jugendlichen auf ihrem Weg in Beruf und Ausbildung begleite. Für die Zukunft prognostiziert sie insbesondere für mobile Applikationen einen steigenden Stellenwert. Ebenso sei der Austausch mit Freunden für die Jugendlichen ganz zentral, allerdings sei die Bundesagentur mit web2.0-Anwendungen noch zurückhaltend.
Für Birgit Behrens vom Zentralverband des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes e. V. ist wichtig, dass die Jugendlichen einen realistischen Eindruck von den Berufen vermittelt bekommen, damit sie nicht mit falschen Erwartungen die Ausbildung starten. Aber auch die Eltern der Jugendlichen hätten oft Vorbehalte aufgrund falscher Vorstellungen. Das Internet sei ein ideales Medium, diese zu korrigieren.
Frank Gerdes erklärte, dass die IG Metall das Portal beroobi gerade aus diesem Grund gerne unterstütze. Mit dem Tagesablauf auf beroobi erhielten die Jugendlichen z. B. einen ganz plastischen Eindruck von der Arbeitsrealität. Probleme träten nämlich ganz überwiegend gerade am Anfang der Ausbildung auf – in der Regel wegen falscher Vorstellungen der Jugendlichen. Deshalb sei es ganz wichtig, nicht nur Hochglanzprospekte zu erstellen, sondern möglichst früh die betriebliche Realität zu vermitteln. Betriebe gingen deshalb z. B. auch dazu über, den Austausch interessierter Jugendlicher mit ihren Azubis auf web2.0-Portalen zu ermöglichen.
Auch Jutta Croll, Geschäftsführerin der Stiftung Digitale Chancen, beklagte die Informationsdefizite bei vielen Jugendlichen, speziell auch beim Thema Berufsorientierung. Dabei könnten gerade Jugendliche aus bildungsfernen Schichten im Netz Informationen erhalten, die ihnen das familiäre Umfeld nicht bieten könne. „Wir müssen uns mit schwächeren Jugendlichen viel mehr beschäftigen“, forderte auch Frank Gerdes. Es komme darauf an, Jugendliche in Ausbildung zu bekommen, und nicht nur in Maßnahmen. Dafür sei die Vorbereitung in der Schule ganz wichtig. „Damit Angebote wie beroobi im schulischen Kontext sinnvoll eingesetzt werden können, bedarf es einerseits einer funktionierenden IT-Infrastruktur, andererseits einer medienpädagogischen Ausbildung der Lehrkräfte“, führte Maria Brosch von Schulen ans Netz aus. Beides sei aber immer noch nicht ausreichend vorhanden.

Sicht der Wirtschaft
Am Nachmittag stellte Linda Gäbel, Referentin Personalmarketing, den Einsatz von Social Media in der Nachwuchsgewinnung bei der Deutschen Bahn vor und erläuterte die vielfältigen Möglichkeiten, die die DB als großer Arbeitgeber nutzt, um sich bei den relevanten Zielgruppen zu präsentieren. Dabei hob sie hervor, dass Aktivitäten im Bereich Social Media vor allem Personal und eine klare Strategie erforderten, um im aktuellen Markt bestehen zu können, dass gerade aber am Anfang auch mit kleinen Budgets erste Erfolge erzielt werden könnten - solange der Auftritt authentisch ist.
Andreas Bartels, Referent des Arbeiterwohlfahrt Bundesverbandes e. V., wies auf den gewaltigen Bedarf im Bereich der Seniorenbetreuung und der Häuslichen Pflege hin: „400.000 Pflegekräfte werden in den nächsten 20 Jahren benötigt, doch mit der heutigen Zahl an Auszubildenden werden wir diese Zahl nicht erreichen!“ Nicht nur die Altenpflege, sondern viele soziale Berufe hätten ein Imageproblem. Die Berufsbilder Altenpfleger/in“ oder „Erzieher/in“ auf beroobi seien daher ein „Glücksfall“, so Bartels, denn es werde anschaulich gemacht, dass diese Ausbildungsberufe auch für Jungen infrage kämen.
Auch für das Handwerk werde es zunehmend schwierig, geeigneten Nachwuchs zu finden, erklärte Arne Bretschneider von Tischler Schreiner Deutschland. Deren Imagekampagne „Tischler versus Schreiner“ solle Jugendlichen Lust auf den Handwerksberuf machen. Dabei komme es eben auch darauf an, zu vermitteln, dass der Tischler nicht mehr wie Meister Eder arbeite, sondern auch im Tischlerbetrieb die Technik Einzug gehalten hat. Social Media Kampagnen seien im Handwerk allerdings nur schwer zu realisieren. In großen Unternehmen könnten Social Media Guidelines erarbeitet werden. Bei den vielen kleinen Betrieben im Handwerk, die sehr heterogen ausgerichtet seien, sei es hingegen viel schwieriger, solche Dinge abzustimmen und festzulegen. Außerdem sei es aufwändig, derartige Aktivitäten anzustoßen. Von alleine passiere da nichts, waren sich alle Beteiligten einig. Für kleine und mittlere Unternehmen seien Social Media Aktivitäten deshalb in der Regel einfach zu personalintensiv.

Erfahrungen aus der pädagogischen Praxis
Alexander Lautsch vom Projekt JobCoach in Berlin berichtete, dass es vielen Jugendlichen nach seiner Erfahrung an der notwendigen Medienkompetenz fehle. Lautsch betreut in Berlin drei Schulen und berät Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klasse bei der Berufswahl und vermittelt sie in Ausbildung. Die Jugendlichen würden zwar täglich im Netz chatten, die vielfältigen Informationen, die das Internet biete, könnten sie aber nicht kompetent nutzen. Gerade für Online-Bewerbungen fehle ihnen das nötige Know-How, dabei würden diese auch für einfache Berufe bei immer mehr Unternehmen üblich. Sie könnten z. B. keine pdfs erzeugen und hätten oft eine für Bewerbungen ungeeignete E-Mail-Adresse.
Regina Ziems, Ausbildungsmanagerin in einem JOBSTARTER-Projekt, konnte dies bestätigen: „Ich bin manchmal erschüttert über die mangelnden Kenntnisse der Jugendlichen.“ Oft hätten sie sich über den Beruf, auf den sie sich bewerben wollen, gar nicht wirklich informiert.
Die mangelnde Informationskompetenz gehe oft einher mit familiären und sozialen Problemen, so die Erfahrung von Anna Hetzinger, die Jugendliche bei Mein PlanB online berät. „Berufsorientierung ist oft auch Lebensberatung!“
Dies unterstützte auch Kai Venohr. In den Maßnahmen seines DGB-Bildungswerks ginge es immer auch darum, sozialpädagogisch zu arbeiten. Gleichwohl nutzten auch sie in ihrer Arbeit das Internet – mit Angeboten wie beroobi, aber auch für die aktive Medienarbeit, z. B. die Erstellung eines Campblogs.
In der Praxis gehe es darum, so der Tenor der Diskussion, die vorhandenen Stärken aller Jugendlichen zu erkennen und zu fördern. „Jeder junge Mensch hat im Prinzip etwas zu bieten. Wir können es uns nicht mehr erlauben, auf Hauptschülerinnen und Hauptschüler zu verzichten“, betonte Lautsch. Die digitalen Medien bildeten dabei ein Standbein, das zukünftig eine immer wichtigere Rolle in der Berufsorientierung spielen werde.
